„Ihr könnt etwas verändern.“
Die Gemeinde Satteldorf veranstaltete ein Erstwählerforum im Rathaus. Bürgermeister Haas blickte persönlich auf seinen politischen Weg zurück und teilt seine Erfahrungen mit den Jugendlichen.
Gespannt verfolgen die beiden Erstwählerinnen die
Ausführungen von Bürgermeister Thomas Haas (links). Coachin Anna Ludolph
(Mitte) vermittelt Einblicke in die Arbeit der Landesregierung und die
bevorstehende Wahl, während Luca Schmidt (rechts) die Gesprächsrunde ergänzt.
„Wir haben einen Brief der Gemeinde bekommen, in dem man
sich per QR-Code für das Erstwählerforum anmelden konnte“, berichtet Annegret
Brand aus Satteldorf. Die 18-Jährige hatte bereits 2024 am ersten Forum zur
Kommunal- und Europawahl teilgenommen. „Es war sehr informativ und hatte diesen
besonderen Workshop-Charakter.“
Das interaktive Format soll zeigen, wie politische Teilhabe
gelingen kann. „Mir ist es wichtig, jungen Menschen Orientierung zu geben und
sie frühzeitig für demokratische Prozesse zu sensibilisieren“, sagt
Bürgermeister Thomas Haas. In den Sitzungssaal des Rathauses Satteldorf waren
alle 240 Jugendlichen eingeladen, die am 8. März erstmals bei der Landtagswahl
abstimmen dürfen. Krankheitsbedingt wurde der Termin verschoben, die Resonanz
blieb daher überschaubar. Dennoch fanden Annegret Brand vom Albert-Schweizer-Gymnasium
und ihre Freundin Hanna vom Wirtschaftsgymnasium den Weg ins Rathaus.
„Ich finde es wichtig, dass wir als Gemeinde das Interesse
an der Demokratie fördern“, sagt Haas. „Auch wenn nur wenige kommen – jeder
Einzelne zählt.“ Der Bürgermeister sucht das direkte Gespräch, diskutiert, hört
zu. Die Idee zum Erstwählerforum entstand aus einer persönlichen Reflexion
erstmals zur Kommunal- und Europawahl 2024: „Ich habe mich gefragt, was mir als
Jugendlichem geholfen hätte, Demokratie besser zu verstehen.“
Organisiert wird es erneut von Anna Ludolph, selbstständige
Coachin mit Erfahrung in der politischen Bildungsarbeit. „Auch bei der
Landtagswahl zählt jede Stimme“, betont sie. Neu ist in diesem Jahr, dass
erstmals 16-Jährige wählen dürfen und es eine Zweitstimme gibt.
Die 35-jährige Politikwissenschaftlerin aus Heidelberg
möchte Jugendliche dort abholen, wo sie stehen. Politik wirke für viele weit
weg – deshalb wolle sie Raum für Austausch schaffen. Ihr Credo: „Ihr könnt
etwas verändern.“
Annegret Brand begegnet politischer Bildung auch im
Schulalltag. „Wir behandeln das Thema im Unterricht, unsere Lehrer klären uns
gut auf.“ Hanna ergänzt: „Ob man sich interessiert, ist Typsache. Für mich ist
klar: Demokratie funktioniert nur, wenn wir wählen gehen.“
Beide vertreten klare Positionen. Brand, die eine
Jungschargruppe leitet, staunt, wie früh Kinder heute politische Themen wie
Trump wahrnehmen. „Die wissen schon, was Trump macht. Das ist krass – in dem
Alter wusste ich das nicht. Da gab es außer Sandkastenpartys nichts“, erklärt
die 18-Jährige mit einem Lachen. Warum sie heute hier ist? „Ich möchte nicht
irgendetwas wählen.“ Auch Hanna will verstehen, „was die Landesregierung macht
und warum sie wichtig ist“.
Luca Schmidt, Referent des Gemeinderats und zuständig für
Kommunikation, sitzt auch in der Runde. Mit einem Schmunzeln nennt er sich die
„Schnittstelle zwischen Bürgermeister und Außenwelt“, für Haas ist er „fast
schon die rechte Hand“.
Am Beispiel eines Radwegs erklärt der Bürgermeister die
Zusammenarbeit mit dem Land: Fördermittel seien oft an Bedingungen geknüpft,
Abweichungen könnten die Finanzierung schmälern. In einem Fall habe Schmidts
Einsatz eine erneute Prüfung bewirkt – und der Gemeinde 250.000 Euro gespart.
Haas selbst habe bereits an rund 50 Wahlen teilgenommen –
als Wähler und auf dem Wahlzettel. Als Schüler kandidierte er für das Amt des
Schülersprechers. Mit einem Lachen denkt er an diese Zeit zurück und teilt
seine Erfahrungen in der Runde. „Ich erinnere mich noch genau an die Gedanken:
Werde ich gewählt? Was passiert, wenn ich tatsächlich gewählt werde und Verantwortung
habe?“ 2022 wurde er zum Bürgermeister gewählt und zog zudem in den Kreistag
ein. „Man kann in seiner eigenen Heimat viel bewegen – das ist spannend.“
Im Workshop diskutieren die Jugendlichen, welche
Eigenschaften eine Landtagsabgeordnete oder ein -abgeordneter mitbringen
sollte: Kompetenz, Seriosität, Charisma, Nahbarkeit. Ein Studium sei für die
beiden nicht so wichtig. Inhaltlich setzen sie Schwerpunkte bei Bildung und
Umweltschutz. „Im Bildungsbereich wird viel ausprobiert, ohne zu wissen, ob es
funktioniert“, sagt Hanna. Kontinuität gebe ihnen Sicherheit. Brand wünscht
sich zudem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wirtschaft und Umwelt.
Alltagsnah und lebensbestimmend
Politisches Engagement im Freundeskreis sei allerdings selten. „Ein paar helfen bei Juniorwahlen oder gehen auf Demos, aber viele interessieren sich nicht dafür“, berichtet Brand. Haas zeigt sich beeindruckt vom Wissen der beiden. „In eurem Alter war ich noch nicht so weit.“ Mit regelmäßigen Einladungen von Grundschulklassen ins Rathaus wolle er frühzeitig Einblicke in politische Abläufe geben. Politik sei alltagsnah und lebensbestimmend – leide aber dennoch unter vielen Vorurteilen. „Wichtig ist, dass wir Gegenbeispiele geben.“
Coachin Ludolph verweist auf konkrete
Beteiligungsmöglichkeiten: öffentliche Gemeinderatssitzungen, Besuche im
Landtag, direkte Kontaktaufnahme mit Abgeordneten. Auch die Landeszentrale für
politische Bildung biete komprimierte Informationen zu Zuständigkeiten und
Wahlterminen. In einer Präsentation erläutert sie Aufgaben des Landtags,
Ausschüsse, Wahlmodalitäten und Zahlen zur bevorstehenden Abstimmung. Rund 7,6
Millionen Menschen sind in Baden-Württemberg wahlberechtigt.
Zur Orientierung empfiehlt sie neben Parteiprogrammen und
Informationsveranstaltungen auch den Wahl-O-Mat. Hanna sieht das Tool kritisch:
„Viele Aussagen musste ich neutral bewerten.“ Ludolph rät daher, zusätzlich die
Webseiten der Parteien oder Interviews der Kandidierenden zu konsultieren.
Annegret Brand verweist auf digitale Formate wie
„MrWissen2go“. „Er bereitet Fakten verständlich auf, auch unsere Lehrer nutzen
das.“ Solche Angebote seien wertvoll, meint Ludolph, weil sie komplexe Themen
für junge Menschen zugänglich machen.
Am Ende ziehen die beiden Erstwählerinnen ein positives Fazit. „Es ist gut, einen Ort zu haben, an dem man offen darüber sprechen kann“, sagt Hanna. Brand ergänzt: „Ich fand es nicht schlimm, dass wir nur zu zweit waren. So gab es keine Hemmschwelle – und wir kennen uns schließlich schon seit dem Kindergarten.“
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