„Die Alten müssen weg“
Simon Marian Hoffmann, der auf Schloss Tempelhof lebt, will seit seiner Kindheit die Welt verändern. In „Aufstand der Jugend“ zeigt der 29-Jährige den Generationskonflikt. Warum fühlen sich junge Menschen machtlos?
Simon Marian Hoffmann ist Künstler, Filmemacher und Aktivist
– mit seinem Projekt „Aufstand der Jugend“ setzt er sich für mehr Gehör und
Mitbestimmung junger Menschen ein. Quelle: Simon Marian Hoffmann
„Ich habe mit zwölf Jahren entschieden, mein Leben dafür einzusetzen, diese Welt ein Stück besser zu machen“, betont Simon Marian Hoffmann. Für ihn sei das kein jugendlicher Idealismus, sondern ein konsequenter Weg. Sein Film „Aufstand der Jugend“ und das gleichnamige Buch sind das Ergebnis von acht Jahren Jugendarbeit, Aktivismus und Gesprächen. Am 31. März um 19 Uhr wird die Dokumentation in der Kulturkapelle am Schloss Tempelhof gezeigt – Auftakt einer Kinotour durch 35 Städte. Eine Reise, die zugleich Einladung und Intervention ist. Was als persönliche Frage begann, sei längst eine gesellschaftliche: Warum fühlen sich so viele junge Menschen machtlos? Warum wird über ihre Zukunft entschieden, ohne dass sie wirklich mitreden können?
Simon Marian Hoffmann ist Künstler, Musiker, Filmemacher,
Philosoph und Autor. Seit drei Jahren lebe er auf Schloss Tempelhof. Dort baut
er mit anderen die „Uniartcity of Flow Valley“ auf – ein Experiment für neue
Formen des Lebens und Lernens. Seine Arbeit verbinde Kunst, politisches Denken
und konkrete Projekte. Ob Filme, Musik oder Bildungsinitiativen: Im Kern ginge
es ihm darum, jungen Menschen eine Stimme zu geben. „Wir haben demonstriert,
Kampagnen gestartet, Kunst gemacht und neue Räume geschaffen“, sagt er. Seine
Dokumentation bündelt diese Erfahrungen. Das dazugehörige Buch liefere die philosophischen
Gedanken dahinter. „Beides ist eine Einladung: Lasst uns die Zukunft gemeinsam
gestalten.“
Der Film „Aufstand der Jugend“ sprenge bewusst die Grenzen
klassischer Dokumentationen. Das Werk sei weniger Bericht als Erfahrung – eine
Mischung aus Performance, Interviews und künstlerischen Aktionen, die Protest
und Vision verbinde. Im Zentrum steht ein Gefühl, das Hoffmann seit seiner
Kindheit kennt: nicht gehört zu werden. „Es gab keine Räume, um mich
auszudrücken.“ Dieses Erlebnis übersetze der Film in starke Bilder sowie eine
klare Kritik an gesellschaftlichen Strukturen.
Filmcover „Aufstand der Jugend“: Simon Marian Hoffmann
verbindet Aktivismus, Kunst und persönliche Erfahrungen zu einem Appell für
mehr Mitsprache der jungen Generation. Quelle: Simon Marian Hoffmann
Konflikt der Generationen
Der Titel sei dabei bewusst gewählt. „Diese Doku ist ein
Aufschrei für eine Jugendstimme.“ Sie erzähle vom Druck sowie der
Entschlossenheit einer Generation, für ihre Zukunft einzustehen. Sieben Jahre habe
er an dem Film gearbeitet, über 15 Jahre begleitete er Jugendbewegungen. Seine
Beobachtung: ein tiefer Generationskonflikt. „Die Alten müssen weg“, sagt er –
und meint damit nicht Menschen, sondern überholte Strukturen und Denkweisen.
Junge Menschen würden die Folgen politischer Entscheidungen tragen, ohne
ausreichend beteiligt zu sein. „Die Zukunft wird von denen gestaltet, die sie
nicht mehr erleben werden.“ Für den 29-Jährigen hat die Jugend eine oft
unterschätzte Aufgabe: das Neue in die Welt zu bringen. Seine Dokumentation
zeigt, wie die Herausforderungen der Gegenwart durch echte Beteiligung junger
Menschen neu gedacht werden können und wie aus einer überhörten Generation eine
gestaltende Kraft wird. Zugleich entwirft er eine Perspektive jenseits des
Konflikts: hin zu mehr Dialog und gegenseitiger Anerkennung zwischen den
Generationen. „In selbstbestimmten Bildungsoasen entstehen Innovationen, weil
junge Menschen eigene Wege gehen.“ Für ihn ist die Jugend eine bislang
unterschätzte Ressource.
„Aufstand der Jugend“ sei dabei mehr als ein Film: ein
künstlerisches Echo einer Generation im Aufbruch – und ein Appell, die Stimmen
derer ernst zu nehmen, die die Zukunft tragen. Dieses Ungleichgewicht
beschreibt er als „Zukunftsmissbrauch“: Entscheidungen werden heute getroffen,
während die Folgen jene tragen, die kaum mitentscheiden dürfen.
Der Film führt durch Proteste in ganz Deutschland – von
Berlin bis Stuttgart. Doch „Aufstand der Jugend“ geht über klassischen
Aktivismus hinaus. „Ein Teil war Protest, ein anderer Kunst im öffentlichen
Raum – und ein dritter der Aufbau eigener Projekte“, sagt Hoffmann. Gemeint
sind Orte, an denen junge Menschen neue gesellschaftliche Ideen erproben. In
der Dokumentation greifen diese Ebenen ineinander. Performances wie „Die
schwarze Karte“ oder „Der goldene Käfig“ machen politische Ohnmacht sichtbar.
„Wie fühlt sich das an?“, fragt Hoffmann – und findet darauf visuelle
Antworten. Kunst wird zum Spiegel gesellschaftlicher Zustände. Die
Protagonisten sind Teil dieser Bewegung: Weggefährten, Mitstreiter, Menschen,
die „aufgestanden sind“ – und andere ermutigen, weiterzumachen. „Kunst kann
sichtbar machen, was sich schwer erklären lässt.“ Auch die Musik stammt von ihm
selbst – teils mit seiner Band, teils als Solokünstler Simon Courtier. „Sie
drückt aus, was sich politisch kaum sagen lässt.“ Oft erreiche ein Lied
Menschen unmittelbarer als jede Rede. Für Hoffmann ist Musik deshalb kein
Beiwerk, sondern zentraler Teil des Projekts: Sie verdichte Stimmungen und mache
das Unsagbare hörbar. „So ist ein Filmwerk entstanden, das stark über Musik und
Performance wirkt.“
Parallel dazu entstehen konkrete politische Ideen. Gemeinsam
mit der Initiative „Demokratische Stimme der Jugend“ entwickelt Hoffmann etwa
den „Deutschen Jugendrat“ – ein Gremium, das junge Menschen in Zukunftsfragen
verbindlich einbindet. Junge Menschen haben in der Demokratie kaum eine eigene
Stimme. „Sie dürfen erst mit 18 wählen – und wählen dann meist deutlich
Ältere“, sagt Hoffmann. Gleichzeitig tragen sie die langfristigen Folgen
politischer Entscheidungen – ob beim Klima, in der Bildung oder der Rente. „Es
ist problematisch, wenn junge Menschen im Ernstfall alles geben sollen, ohne
vorher wirklich mitentscheiden zu können.“ Der Film zeigt, wie aus dieser
Kritik Ideen entstehen – aus Protest, Gesprächen und der Hoffnung auf mehr
Teilhabe.
Jugend ohne Stimme?
Im Buch deutet Hoffmann den Generationskonflikt als
strukturelles, ja institutionelles Versagen. Es gehe nicht um ein mangelndes
Verständnis zwischen Jung und Alt, sondern um Systeme, die echten Austausch und
Mitgestaltung von vornherein kaum vorsehen. Es fehlen die demokratischen
Instrumente, um die Perspektiven Jugendlicher wirksam einzubringen. Stattdessen
folgen politische Prozesse häufig kurzfristigen Wahlzyklen und
Anreizstrukturen, die sich an der Gegenwart der Älteren orientieren – während
die Zukunft der Jüngeren strukturell unterrepräsentiert sei. Der 29-Jährige
bleibt nicht bei der Analyse, sondern entwickelt konkrete Vorschläge: einen
ausgelosten „Deutschen Jugendrat“ als fest im Bundestag verankerte Stimme
junger Menschen, ein Kinderwahlrecht als Antwort auf demografische Verzerrungen
sowie eine „Jugendrente“, die junge Menschen stärker in den Generationenvertrag
einbindet. Seine Ideen verstehen sich als Weiterentwicklung demokratischer
Prinzipien unter veränderten Bedingungen. Denn Deutschland befinde sich in
einer Phase multipler Krisen – von Bildung und Klima bis hin zu wachsender
politischer Polarisierung. Gleichzeitig zeige sich eine politisierte, aber
strukturell frustrierte junge Generation, die mehr Mitsprache einfordert. „Aufstand
der Jugend“ ist damit auch ein Plädoyer, die Jugend als eigenständigen
demokratischen Akteur neu zu begreifen – an der Schnittstelle von Philosophie,
politischer Theorie und gesellschaftlicher Praxis.
Das glückliche Kind als Maßstab
Ein Satz zieht sich leitmotivisch durch den Film: „Wir bauen
uns eine Welt, in der Viele möglich sind. Die oberste Prämisse ist das
glückliche Kind.“ Für Hoffmann ist das kein poetisches Bild, sondern ein
politischer Maßstab. „Wir sollten unsere Gesellschaft daran messen, wie es
unseren Kindern geht.“ Eine gesunde Gesellschaft erkenne man daran, dass Kinder
neugierig, mutig und frei sein dürfen. Wo hingegen Angst, Druck und
Leistungszwang dominieren, sei das ein Zeichen für ein krankes System. Die
Reaktionen auf den Film zeigen, dass er einen Nerv trifft. Viele junge
Zuschauer berichten, sich zum ersten Mal wirklich gehört zu fühlen. Ältere
wiederum sagen, sie würden nun besser verstehen, wie junge Menschen die Welt
erleben. Genau darin sieht Hoffmann die Chance der Kinotour: nicht als
Protestveranstaltung, sondern als Raum für Begegnung. „Wir bleiben nach dem
Film im Kino und sprechen miteinander.“
Inhaltlich erzählt der Film von einer Gruppe junger
Menschen, die sich Gehör verschaffen will: Sie organisieren Kampagnen,
inszenieren Performances, drehen Musikvideos und fordern politische
Mitbestimmung ein. Ihr Projekt, der „Deutsche Jugendrat“, bringt sie in
direkten Kontakt mit politischen Institutionen – und konfrontiert ihre Vision
mit der Realität. Was als kollektive Bewegung beginnt, mündet
schließlich in individuelle Entscheidungen und persönliche Aufbrüche.
Ab April ist Hoffmann mit seinem Film in Deutschland,
Österreich und der Schweiz unterwegs – von Crailsheim über Berlin bis Wien und
Zürich. Was bleibt, ist weniger ein fertiges Ergebnis als eine offene Frage –
und eine Einladung. „Junge Menschen sollten sich einmischen dürfen.
Generationen sollten einander zuhören. Entscheidungen sollten gemeinsam
getroffen werden.“ Seine Überzeugung: „Die Weichen für morgen werden heute
gestellt.“
Was wünscht sich Simon Marian Hoffmann für die Zukunft?
„Hoffnung, Mut – und die Gewissheit, dass Veränderung möglich ist.“ Vor allem
gehe es ihm um mehr Mitsprache für junge Menschen und echte Begegnung zwischen
den Generationen. Für den 29-Jährigen steht die Gesellschaft an einem
Wendepunkt. „Lasst uns miteinander reden und neue Räume schaffen.“ Sein Film sei
dafür ein Anfang – und eine Einladung. Am 31. März wird „Aufstand der Jugend“
in Crailsheim gezeigt, begleitet von einer Buchlesung.



Kommentare
Kommentar veröffentlichen