Nach schwerem Motorradunfall: „Ich musste meine Familie neu kennenlernen“

Timon Roth aus Schrozberg überlebte 2018 knapp einen schweren Motorradunfall bei Blaufelden. Acht Jahre später hat er seine Geschichte und den langen Weg zurück ins Leben in einem Buch festgehalten.

Timon Roth aus Schrozberg mit seinem Buch und der Kleidung, die er bei seinem schweren Motorradunfall 2018 trug

Seine vom Unfall gezeichnete Kleidung und das Familienalbum bewahrt Timon Roth bis heute auf. In seinem Buch erzählt er von seinem Schicksal.

Am 27. April 2018 veränderte sich das Leben von Timon Roth für immer. Der damals 22-Jährige aus Schrozberg war mit seinem Motorrad auf der L 1008 unterwegs, als es an der Kreuzung Richtung Blaufelden zum Zusammenstoß mit einem Auto kam. Darin saß eine vierköpfige Familie.

In seinem Buch „Zwischen Stahl und Stille“ verarbeitet der heute 30-Jährige den Unfall und seinen Weg zurück ins Leben. „Ich dachte mir, dass ich das aufschreiben muss, sonst glaubt mir das kein Mensch.“

Außer den Autoinsassen habe es keine Zeugen gegeben. Laut dem 30-Jährigen ging die Polizei davon aus, dass er zunächst angehalten und mit seiner Suzuki GS 500 E losgefahren sei. Er selbst kann sich wegen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas nicht an den Unfall erinnern. „Das Auto hat mich von der Seite gepackt.“

Die Folgen waren verheerend: zertrümmertes Schulterblatt, angerissene Halsschlagader, aufgerissene Lunge, vier Rippenbrüche, ein abgetrennter Fuß sowie Brüche von Beckenring und Oberschenkelknochen. Teilweise ragten Knochen aus dem Körper. Mit dem Rettungshubschrauber kam Roth zunächst nach Würzburg, später nach Heidelberg. Vier Wochen lag er im Koma. „Ich wollte an diesem Tag zu einer Grillparty nach Pforzheim.“

An der Unfallkreuzung seien 70 Kilometer pro Stunde erlaubt. Noch heute beobachtet er dort riskante Manöver: „Die Leute überholen, rasen vorbei und hupen. Was soll das?“

Vier Wochen ohne Erinnerung

Nach dem Erwachen fehlten ihm nicht nur Erinnerungen an den Unfall. Auch große Teile seines bisherigen Lebens waren verschwunden. „Ich habe meine Geschwister und Eltern nicht mehr erkannt.“ Seine erste Erinnerung gilt einem Pfleger, den er für seinen früheren Englischlehrer hielt. „Ich habe nicht realisiert, dass ich im Krankenhaus bin.“

Sein Zustand sei mit einer Demenz vergleichbar gewesen. „Meine Familie musste mir jeden Tag neu erklären, was passiert ist.“ Auf Anraten eines Arztes legten seine Angehörigen ein Fotoalbum mit Bildern seiner Familie an. „Ich musste meine Familie wieder neu kennenlernen.“ Auf dem Deckblatt steht ein Satz seiner Schwester: „Hakuna Matata. Geht net gibt’s net!“

Die körperlichen Folgen sind geblieben. Roth kann seinen erlernten Beruf als Metallblasinstrumentenmacher nicht mehr ausüben. Dazu war er einst eher zufällig gekommen: Weil er für ein Schulpraktikum einen Platz gesucht hatte, vermittelte ihn seine Schwester zu Martens in Schrozberg. „Am ersten Tag dachte ich schon: Das will ich machen.“ Die dafür nötige Feinmotorik fehlt ihm heute. „Seit dem Unfall zittere ich stark, wenn ich mich länger konzentrieren muss.“ Heute arbeitet er als Zeitungszusteller. „Ich kämpfe den Rest meines Lebens mit dem Unfall.“

Den Motorradführerschein hatte Timon Roth 2016 gemacht. Die Suzuki bekam er von seinem Bruder. „Sie war schon immer in Familienbesitz. Meine Schwester hat auf ihr das Fahren gelernt.“ Nach dem Unfall war sie schrottreif. Er ist bis heute überzeugt, dass das Auto zu schnell unterwegs gewesen sei. Dessen Insassen blieben unverletzt. Er selbst fährt kein Motorrad mehr. „Ich will nicht mehr und habe den Unfall gerade so überlebt.“ An der Unfallstelle und später bei der ersten Operation habe er jeweils einen Herzstillstand erlitten. „Das riskiere ich nicht nochmal.“

Klare Worte an Raser

An leichtsinnige Motorradfahrer richtet er deutliche Worte: „Gebt den Führerschein ab. Leichtsinn auf dem Zweirad endet meistens tödlich für den Fahrer und gefährdet andere.“ Gleichzeitig will er nicht alle Motorradfahrer über einen Kamm scheren. Entscheidend seien Fahrweise und Ausrüstung. „Entweder fährt man gut oder wie ein Psychopath.“

Roth spricht sich dafür aus, dass jeder Motorradfahrer einen Organspendeausweis mit sich führen müsse. Im Krankenhaus habe er einen Fahrer gesehen, dessen Kopf an der Leitplanke hängen blieb und halb abgerissen wurde. „Vom Bruchteil einer Sekunde bist du nur noch Organe. Jeder, der sich für den Führerschein interessiert, sollte erst ins Krankenhaus gehen und sich die ganzen Unfallopfer ansehen.“

Seine Motorradkleidung bewahrt er bis heute in einem Karton in der Garage auf. Die Einsatzkräfte hatten sie aufgeschnitten. An manchen Stellen sind noch die Löcher zu erkennen, an denen Knochen durch die Kleidung gedrungen waren. „Ich habe sie aufgehoben als Zeichen, dass ich überlebt habe.“

Der Unfall hinterließ nicht nur körperliche Spuren. Der gelernte Metallblasinstrumentenmacher erkrankte an einer schweren Depression. „Das ist total schwachsinnig. Du überlebst gerade so und überlegst dir, das Leben zu nehmen.“ Die jahrelange Rehabilitation habe ihn gelehrt, sein Leben stärker wertzuschätzen.

Seine Erfahrungen verarbeitet Roth in seinem Buch. Es erzählt vom Unfall, dem Erwachen aus dem Koma und dem mühsamen Weg zurück ins Leben. Im Klappentext heißt es: „Was bleibt von uns übrig, wenn uns von einer Sekunde auf die andere die totale Freiheit genommen wird? Nach einem schweren Motorradunfall schaltet das Universum für vier Wochen das Licht aus.“ Das Buch erscheint voraussichtlich im September auf Amazon.


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