Eine Frau, viele Gesichter: Michaela Kernwein lebt für die Bühne

Ob als Fanny, Kräuterwalli oder am Schlagzeug: Michaela Kernwein liebt es, sich auf der Bühne auszuleben. Geprägt von Musik und ihrem Vater geht die 53-Jährige bis heute unbeirrt ihren eigenen Weg.

Michaela Kernwein, bekannt als Fanny Kräuterwalli, abseits der Bühne

Die Bühne ist für Michaela Kernwein ein Ort zum „Rausgehen und Ausflippen“. Abseits des Scheinwerferlichts ist sie Mutter, Arzthelferin und gibt die Werte, die sie selbst geprägt haben, an ihre Kinder weiter.

„Fanny war so widerlich. Ich wollte mal richtig hässlich auf der Bühne sein“, erinnert sich Michaela Kernwein aus Wallhausen. Die 53-Jährige spielt mit Leidenschaft in der Bädles Bühne Hengstfeld. Unvergessen ist genau diese Rolle 2023: „Ich war so eklig geschminkt, dass sich mein jüngster Sohn Lenny vor mir geekelt hat“, erzählt sie mit einem Lachen. Backerbsen dienten als Popel. Ihr Mann nennt sie bis heute so, beim Anruf erscheint sogar ihr Rollenfoto auf dem Display. Für Kernwein ist jedes Stück eine Zeitreise – zurück zu Figuren, Begegnungen und Momenten, die geblieben sind.

Die Kräuterwalli 2017 gehört zu ihren Lieblingsrollen. Zwei Stunden saß sie in der Maske, bekam Warzen ins Gesicht geklebt und war „den ganzen Abend dreckig“. Regisseur Uli Gsell bezeichnete die gebürtige Stimpfacherin einmal als „Dialekt-Wunder“: Mühelos wechselt sie zwischen Dialekten und Akzenten – egal ob französisch, italienisch, polnisch oder russisch. „Den Bayrischen mog i am liabsten.“ Gelernt habe sie das nie: „Es ist in mir drin und muss raus.“ Ihre drei Kinder begrüßt sie schon mal auf Bayrisch. Dann bitten sie ihre Mutter, wieder „Deutsch“ zu sprechen. „Manchmal antworten mein Mann und die Kinder aber auch im selben Dialekt.“

Musik im Herzen

Für die 53-Jährige ist die Bühne ein Ort zum „Rausgehen und Ausflippen“. „Es ist geil, kurz abzuhauen – und danach wieder Mama in einem Fünf-Personen-Haushalt zu sein.“

Im diesjährigen Stück „Gib dem Affen Zucker“ spielte sie eine bayrische Wirtin. Aus dem Publikum wurde ihre Darstellung als „schauspielerische Meisterleistung“ bezeichnet.

Dass nicht immer alles nach Plan läuft, gehört für sie zum Theater dazu. Unvergessen ist eine Aufführung mit ihrem Schwager Jörg Rossell: Beide sollten wütend durch eine Tür stürmen, als der Souffleuse etwas auf den Kopf fiel. Diese hat das Team hinter dem Sofa versteckt. „Sie lag da und wir konnten vor Lachen nicht mehr weiterspielen.“ Rund 15 Minuten versuchten sie, sich zu fangen. Vergeblich. „Immer, wenn Jörg auf Ernst machte, prustete er los.“ Schließlich vergaßen beide noch den Text. „Die ganze Bude hat getobt.“

Auch im Hause Kernwein geht musikalisch zu: Ihre drei Kinder standen bereits auf der Bühne. Ihr Mann ist Chef der Gräni Gang, woraufhin Kernwein den Weg ins Theater einschlug. „Als ich noch Kind war, hatte jeder in der Familie immer Insturmente im Kofferraum. Egal, wer Geburtstag hatte: Es wurde gespielt.“

Den Grundstein legte ihr Vater, Dirigent der Musikkapelle Stimpfach. „Unser Haus war immer voll mit Tenorhörnern und Klarinettenspielern.“ Die Blockflöte allein genügte ihr dabei nicht: Sie wollte Schlagzeug spielen. Nachdem ihr Vater zunächst dagegen war, brachte ihr Onkel eine Trommel mit. Kernwein trommelte so lange, bis er nachgab – unter der Bedingung, dass sie Noten lernte. Schon mit sieben Jahren lief sie beim Volksfestumzug mit einer großen Trommel mit. Später trat sie nach der Jugendkapelle in die Musikkapelle ihres Vaters ein. Mit fünf Jahren stand sie das erste Mal auf der Bühne – mit 16 spielte sie in der Reiglersbachbühne Stimpfach Theater.

Vater war ihr Vorbild

Mit ihrem Vater verband sie weit mehr als Musik. Während ihre Schwestern eher der Mutter halfen, war die 53-Jährige mit ihm in der Werkstatt, hackte Holz, schreinerte und grub Brunnen. „Ich war der Bub, den er nie hatte.“ Bei ihren Auftritten saß er in der ersten Reihe. Ein Daumen von ihm genügte ihr, um zu wissen, wie er ihre Leistung fand. Als er 2015 starb, durchlebte die gelernte Arzthelferin ihren größten Verlust. „Er war unser Anker. Als er nicht mehr da war, hatte ich niemanden mehr, der mir ehrliches Feedback gab.“ Bis heute denkt sie vor jedem Auftritt an ihn: „Lass mich alles gut machen, meine Familie und meinen Papa stolz machen.“

Stillzusitzen passt nicht zu ihr. Seit 2010 engagiert sie sich im Zeltlager der DLRG Wallhausen und Sportverein Hengstfeld – immer, wenn es an einer helfenden Hand fehlt. Zum Muttertag wünschte sie sich einmal eine Motorsäge, um ihre Gartenliebe auszuleben. „Die hab ich sogar bekommen.“

Ihre Schulzeit verbrachte die 53-Jährige auf einer Nonnenschule. „800 Frauen auf einem Haufen – das war schrecklich.“ Ihr Schülerbandlehrer habe ihr „das Leben gerettet“. Im SMV-Raum wurde geprobt, am Wochenende spielten sie heimlich im Besen. Ihren eigenen Kindern lässt sie deshalb Freiraum: „Sie sollen sich ausleben und sich nirgendwo reinzwingen lassen.“

1990 gründete Kernwein mit drei Frauen einen Motorradclub – obwohl sie selbst bis heute keinen Motorradführerschein hat. „Wir hießen die Flugsaurier. Den Club gibt es heute noch. Auch das Logo haben wir selbst gemalt.“ Anfangs wurden die Frauen ausgelacht. Sie machten trotzdem weiter, veranstalteten ein großes Fest zu dem die ganzen Motorradclubs in der Umgebung kamen. „Wir sind dort mit der Frauenband aufgetreten – sogar mein Vater war da.“ Das habe er ihr mitgegeben: die Liebe zur Musik und den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Bis heute ist er in Gedanken dabei – immer, wenn sie die Bühne betritt.

Die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende.

Im Januar 2027 erscheint Michaela Kernwein auch in der ersten Printausgabe von ZWEITE EBENE – MENSCHEN. Dort sprechen wir mit ihr über das, was zwischen Bühne, Familie und all ihren Rollen liegt – und lassen das „Dialekt-Wunder“ selbst hören.

Ein Satz. Viele Dialekte. Und eine Frage an die fünfjährige Michaela. Fortsetzung folgt – in MENSCHEN.

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