50 Jahre Dampfbahnfreunde Kocher-Jagst: Oberbürgermeister Grimmer wird selbst zum Lokführer

Zum 50. Jubiläum überreichte OB Christoph Grimmer den Dampfbahnfreunden einen Scheck sowie den Nachhaltigkeitspreis. Anschließend drehte er als frisch ernannter „Ehrenlokführer“ selbst einige Runden.

Oberbürgermeister Christoph Grimmer fährt beim 50. Jubiläum der Dampfbahnfreunde Kocher-Jagst eine Dampflok

Als frisch ernannter „Ehrenlokführer“ drehte Grimmer gemeinsam mit dem Vorsitzenden Tony Wolf (hinten) einige Runden auf der Dampflok.

Am 15. Mai 1976 begann eine Geschichte, die bis heute von Begeisterung, Gemeinschaft und der Liebe zur Eisenbahn geprägt ist: Sieben Eisenbahnfreunde schlossen sich damals zusammen und gründeten den Verein Dampfbahnfreunde Kocher–Jagst. Daran erinnert der heutige Vorsitzende Tony Wolf in seiner Rede zum 50-jährigen Bestehen des Vereins. Ein halbes Jahrhundert später wird dieses Jubiläum mit einem großen Sommernachtsfest gefeiert.

Rund 300 Gäste versammeln sich auf dem Vereinsgelände „Fallteich“ an der Nord-West-Umgehung in Crailsheim. Das weitläufige Areal hatte der Verein Anfang der 1980er-Jahre von der Bundesbahn erworben und seither mit viel ehrenamtlichem Engagement zu seiner Heimat gemacht. „Wir wollen Familien und Kindern einen schönen Tag bieten und den Erhalt des Dampfbetriebs in Crailsheim für unsere Gäste erlebnisreich darstellen“, betont Wolf.

Besucher feiern das 50-jährige Jubiläum der Dampfbahnfreunde Kocher-Jagst in Crailsheim

Rund 300 Besucher feiern an diesem Tag das 50-jährige Jubiläum der Dampfbahnfreunde. Das Vereinsgelände wird dabei zu einem Ort voller Spiel, Spaß und Begegnungen.

Heute zählt der Verein rund 70 Mitglieder. Wolf selbst fand einst über seinen Sohn David zu den Dampfbahnfreunden. Die Eisenbahngeschichte der Stadt ist für ihn und seine Mitstreiter bis heute allgegenwärtig. „Auch der 1912 erbaute Wasserturm in Crailsheim erinnert an den Dampflokbetrieb, der in Crailsheim dann geschlossen wurde.“

Ebenso das Gelände am Fallteich erzählt von dieser Entwicklung – und davon, was gemeinsames ehrenamtliches Engagement bewirken kann. Die Mitglieder verschönerten das Areal Stück für Stück und erweiterten den Schienenrundkurs. Wo einst Schafe das Gras kurz hielten, ist über Jahrzehnte ein Park entstanden. Ein Ort, an dem Familien gemeinsam Zeit verbringen und die Faszination Eisenbahn unmittelbar erleben können.

Selbst der Vereinsname erinnert an seine Anfänge: „Kocher“ stehe für die Gründungsmitglieder aus Aalen, „Jagst“ für jene aus Crailsheim. In einer Zeit, als der Dampfbetrieb noch zum Alltag gehörte, seien rund 80 Züge in Crailsheim unterwegs gewesen.

Zum Jubiläum ist mit Siegfried Steinhäuser aus Crailsheim sogar eines der damaligen Gründungsmitglieder anwesend – und mit ihm viele Erinnerungen an die Anfangsjahre. Damals wurden Schienen geschweißt und Lokomotiven gebaut. Eine feste Heimat hatte der junge Verein zunächst noch nicht. Stattdessen reisten die Mitglieder durch die Region und bauten ihre Bahnen immer wieder an unterschiedlichen Orten auf. An rund 20 Fahrtagen im Jahr konnten Kinder ihre Runden drehen. „Der Verein war in der ganzen Region unterwegs“, erzählt Wolf.

Ob auf Weihnachtsmärkten oder auf dem Rathausplatz – überall sorgten die Bahnen für strahlende Kinderaugen. Die Begeisterung steckte an: Bereits im dritten Jahr zählte der Verein mehr als 50 Mitglieder und wuchs weiter.

Mit dem Gelände am Fallteich änderte sich vieles. Der Verein hatte, wie Wolf es ausdrückt, „endlich eine eigene Heimat“. Irgendwann stellten sich die Mitglieder eine naheliegende Frage: Warum immer wieder an andere Orte fahren und dort die Bahnen aufbauen, wenn vor der eigenen Haustür ein großes Gelände zur Verfügung steht? Fortan fanden die Fahrten zunehmend am Fallteich statt.

Erwachsene und Kinder fahren mit der Gartenbahn der Dampfbahnfreunde Kocher-Jagst in Crailsheim

Erwachsene und Kinder drehten ihre Runden über das Gelände und genossen einen Tag voller Erlebnisse, gutem Essen und gemeinsamer Freude.

„Im Mittelpunkt steht die Freude an der Dampfbahn“, bringt Wolf das zusammen, was die Mitglieder seit fünf Jahrzehnten verbindet. Stillstand habe es in all den Jahren nie gegeben. „Es wurde immer gebaut, verbessert und erweitert.“ Neue Strecken entstanden, Brücken mussten errichtet und technische Herausforderungen bewältigt werden – vieles davon in Eigenleistung. Auch die Pergola und die Bahnhofsüberdachung zeugen davon, wie viel Zeit, Arbeit und Herzblut die Mitglieder in ihre Vereinsheimat investiert haben.

Was heute am Fallteich zu sehen ist, sei deshalb weit mehr als eine Modelleisenbahnanlage. „Wir sehen das Ergebnis von 50 Jahren Vereinsgeschichte, gemeinsamer Begeisterung und Ehrenamt“, betont Wolf.

Lokomotiven sollen nicht im Keller stehen

Gerade dieser Zusammenhalt habe den Verein über die Jahrzehnte getragen und tue es bis heute. Eine Gemeinschaft, in der Menschen gemeinsam etwas erschaffen, Wissen weitergeben und ihre Begeisterung mit der nächsten Generation teilen – etwas, das nach Wolfs Worten in der heutigen Zeit keineswegs mehr selbstverständlich sei. „Lokomotiven sollen nicht im Keller stehen – sie sollen fahren, Kinder begeistern und bei Erwachsenen Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken“, bringt Wolf auf den Punkt, was die Dampfbahnfreunde seit Jahrzehnten antreibt.

„Wer das Gelände hier am Fallteich kennt, weiß: Hinter dem, was Besucher an den Fahrtagen erleben, steckt sehr viel Arbeit“, sagt Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer in seinem Grußwort. Lokomotiven würden nicht von alleine fahren, Gleise müssten instand gehalten, das Gelände gepflegt, Fahrtage vorbereitet und Gäste bewirtet werden. Hinzu kämen die Wartung der Technik und immer wieder neue Ideen, die in die Tat umgesetzt werden.

Wie groß der ehrenamtliche Einsatz der Mitglieder sei, habe sich etwa beim Bau der zusätzlichen Strecke vor einigen Jahren gezeigt. „Zwei Jahre lang wurde gemeinsam gearbeitet, teilweise bis spät in die Nacht.“ Hunderte Tonnen Material seien bewegt und verbaut worden – zu einem erheblichen Teil von den Mitgliedern selbst.

Grimmer zeigt sich beeindruckt von diesem Engagement: „Solche Projekte zeigen, was Ehrenamt leisten kann, wenn viele Menschen gemeinsam an einer Sache arbeiten.“ Besonders bemerkenswert sei für ihn, dass diese Begeisterung von Generation zu Generation weitergegeben werde. „Kinder, die früher selbst auf den Zügen mitgefahren sind, sind später Mitglieder geworden – und kommen heute teilweise mit ihren eigenen Kindern oder Enkeln hierher.“

Aus Begeisterung sei so über die Jahre Verbundenheit entstanden – und aus Verbundenheit Verantwortung. „Genau davon lebt ein Verein über Jahrzehnte“, betont der Oberbürgermeister. Die Dampfbahnfreunde Kocher–Jagst hätten dabei nicht nur ein lebendiges Stück Technikgeschichte und Heimatpflege bewahrt, sondern mit dem Vereinsgelände am Fallteich zugleich einen Ort der Begegnung für Familien und Eisenbahnbegeisterte geschaffen.

„Sie schaffen mit ihren Fahrtagen ein Angebot für Familien aus Crailsheim und weit darüber hinaus.“ Dass Kinder kostenlos mitfahren dürfen, gehöre ganz bewusst zu diesem Gedanken. „Familien sollen hier gemeinsam eine gute Zeit verbringen können.“ Auch das sei gelebtes Ehrenamt: „Etwas aus eigener Begeisterung heraus zu tun und damit anderen eine Freude zu bereiten.“

Sein Dank galt deshalb all jenen, die Verantwortung im Vorstand übernommen haben und übernehmen, ebenso den Mitgliedern, die seit Jahrzehnten dabei sind, und jenen, die erst vor Kurzem zum Verein gestoßen sind. „Ein Verein besteht am Ende nicht aus Gleisen, Lokomotiven, Gebäuden oder einem schönen Gelände, sondern aus Menschen.“

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens überreicht Grimmer dem Vorsitzenden Tony Wolf einen Scheck der Stadt Crailsheim in Höhe von 500 Euro. Doch es bleibt nicht bei dieser Anerkennung. Auch in einem weiteren Bereich kann der Verein überzeugen: „Besonders beeindruckend sind die vielseitigen Ansätze, um Nachhaltigkeit zu fördern“, hebt Grimmer hervor.

Oberbürgermeister Christoph Grimmer überreicht Tony Wolf einen Scheck über 500 Euro für die Dampfbahnfreunde Kocher-Jagst

Mit strahlendem Lächeln überreichte Oberbürgermeister Christoph Grimmer (rechts) dem Vorsitzenden Tony Wolf zum Jubiläum einen Scheck der Stadt Crailsheim.

Mit Nistkästen und Laubhaufen, der Pflanzung von Obst- und Ahornbäumen sowie einer naturnahen Gestaltung mit bienenfreundlichen Stauden leiste der Verein einen konkreten Beitrag zur Biodiversität auf seinem Gelände. Gleichzeitig setzten die Dampfbahnfreunde bei Veranstaltungen auf regionale Lebensmittel und familienfreundliche Preise. „Das zeigt ihr ganzheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit: ökologisch, sozial und lokal verankert“, betont Grimmer.

Mit sichtlicher Anerkennung überreicht Grimmer dem Vorsitzenden Tony Wolf stellvertretend für den gesamten Verein den Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Vereine/Gruppen. Die Entscheidung der Jury sei in diesem Jahr besonders knapp ausgefallen. Daher wurde das Preisgeld auf drei Vereine verteilt: die Jägervereinigung Crailsheim, Tamieh und die Dampfbahnfreunde Kocher–Jagst.

Von Generation zu Generation

Wie sehr das Motto der Dampfbahnfreunde an diesem Tag gelebt wird, zeigt sich überall auf dem Gelände. Bei der großen Lokparade, moderiert vom Vorsitzenden Tony Wolf und Kassier Jens Steinbrenner, werden 20 Lokomotiven präsentiert, die von Vereinsmitgliedern und Gästen über die Anlage gesteuert werden. Während die Bahnen ihre Runden drehen, genießen Familien bei Gegrilltem, Pommes und Getränken den Sommertag auf dem Vereinsgelände. Lokfahren, Spiel und Spaß stehen im Mittelpunkt.

Wer über das Gelände spaziert, merkt schnell, wie viel Liebe zum Detail hier über Jahrzehnte eingeflossen ist. Schienen ziehen sich durch die Anlage, führen über Brücken und vorbei an liebevoll gestalteten Bereichen – selbst ein eigener Bahnhof gehört dazu. Dazwischen spielen Kinder, Erwachsene beobachten die vorbeifahrenden Lokomotiven oder steigen selbst für eine Runde auf. Der Fallteich ist an diesem Tag vor allem eines: ein Ort für Jung und Alt.

„Ich kenne Leute, die regelmäßig hierherkommen“, erzählt eine Besucherin aus Westgartshausen, die gemeinsam mit ihrem Mann das Jubiläumsfest besucht. Was die Vereinsmitglieder geschaffen haben, beeindruckt sie. „Die Arbeit, das Engagement verdient wirklich Anerkennung. Es ist auch interessant, die verschiedenen Loks fahren zu sehen.“ Ihr Mann stimmt ihr zu: „Allen Respekt, was hier auf die Beine gestellt wurde.“

Wie die Begeisterung für die Eisenbahn Generationen verbinden kann, zeigt eine Familie aus Jagstheim. Ein Vater ist mit seinem sechsjährigen Sohn gekommen. „Ich wollte meinem Sohn die Minieisenbahnen zeigen.“ Ein richtiger Vater-Sohn-Ausflug, der bei ihm selbst Erinnerungen weckt. Schon sein eigener Vater besaß eine Modelleisenbahn, die ihn als Kind faszinierte. „Ich fahre auch gerne Bahn, wenn sie mal pünktlich ist“, ergänzt er mit einem Lachen.

Mittendrin statt nur dabei

Besonders gut gefällt ihm, dass am Fallteich nicht nur zugeschaut wird, sondern Kinder und Erwachsene selbst mitfahren dürfen. Für seinen sechsjährigen Sohn steht ohnehin fest, was das Beste an diesem Tag ist: „Ich finde die Züge am besten und dass man mitfahren kann.“ Auch der Opa aus Crailsheim ist mit dabei. „Ich hatte eine Märklin-Eisenbahn“, erinnert er sich. Für ihn gehörte die Modelleisenbahn zur Kindheit dazu, ehe später Autorennbahnen immer beliebter wurden. Auf einer Spanplatte befestigte er damals die Schienen und erschuf rundherum seine eigene kleine Welt aus Häusern und Landschaften. Besonders zur Weihnachtszeit wurde die Anlage ein Highlight, das aufgebaut wurde.

Dass solche Kindheitserinnerungen weiterleben, zeigt sich auch bei Andrea Karcher aus Crailsheim. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer sechsjährigen Tochter ist sie zum Fallteich gekommen. Wo die Tochter gerade steckt? „Sie spielt irgendwo auf der Anlage. Der halbe Kindergarten ist da“, erzählt Karcher mit einem Lachen. Die Fahrtage beschreibt sie als schön, familiär und „super gut“. Vor allem schätzt sie, dass Familien hier gemeinsam etwas erleben können, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen. „Heutzutage gibt es selten Kinderprogramme kostenlos. Das Engagement, dass die Kinder hier kostenlos fahren können, ist einfach bemerkenswert.“ Schon als Kind kam sie gemeinsam mit ihren Eltern zu den Dampfbahnfreunden. Heute steht sie selbst als Mutter am Fallteich und gibt diese Erfahrung an ihre Tochter weiter. Aus den Kindheitserinnerungen von damals werden so die Kindheitserinnerungen einer neuen Generation.

Eine besondere Geste hält der Verein schließlich für Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer bereit: Als Dank für seine Verbundenheit wird er zum „Ehrenlokführer“ ernannt. Mit der passenden Bahnmütze ausgestattet, bleibt es für ihn nicht bei einem Ehrentitel. Grimmer steigt kurzerhand selbst auf eine der Lokomotiven und dreht seine Runden über das Gelände. Ein Moment, der zu ihm passt: Statt nur am Rand zu stehen und zuzusehen, wird der Oberbürgermeister selbst Teil des Geschehens. Ob bei Vereinen, Veranstaltungen oder mitten unter den Menschen – Grimmer sucht die Begegnung, macht mit und zeigt damit, dass Gemeinschaft für ihn nicht nur ein Wort in einem Grußwort ist, sondern etwas, das vom Dabeisein lebt. An diesem Nachmittag eben mit Bahnmütze und auf einer kleinen Lokomotive.

Heike Steinbrenner und Tony Wolf ernennen Oberbürgermeister Christoph Grimmer zum Ehrenlokführer der Dampfbahnfreunde Kocher-Jagst

Für Oberbürgermeister Christoph Grimmer (rechts) hielt der Verein eine besondere Überraschung bereit: Als Dank erhielt er eine Urkunde von Heike Steinbrenner und Tony Wolf als „Ehrenlokführer“ und die passende Bahnmütze.

Einen Tag später klingt das Jubiläumswochenende mit dem letzten Fahrtag der Saison unter dem passenden Motto „Abdampfen“ aus. Doch auch wenn die Lokomotiven danach vorerst in den Bahnhof zurückkehren, bleibt etwas in Bewegung: die Begeisterung für die Eisenbahn, die am Fallteich seit 50 Jahren Menschen zusammenbringt und von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.


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