Spuren, die geblieben sind: Verborgene Geschichten aus Crailsheims Straßen

Bei einer Stadtführung durch die Wilhelm- und Bergwerkstraße wurden Gebäude, Erinnerungen und fast vergessene Geschichten wieder lebendig. Details, die beim Vorbeifahren kaum auffallen.

Gerda Lober führt eine Gruppe bei einer historischen Stadtführung durch die Wilhelmstraße in Crailsheim

Gerda Lober blüht bei der Stadtführung auf: Mit viel Engagement führt sie die Gruppe durch die Wilhelm- und Bergwerkstraße. Historische Bilder lassen dabei die Erinnerungen vieler Teilnehmer wieder lebendig werden.

Beim Vorbeifahren nimmt man die Geschichte der Wilhelm- und Bergwerkstraße in Crailsheim kaum wahr. Bereits im 18. Jahrhundert entstand in der „Haller Vorstadt“ das erste Gewerbegebiet der Stadt. Gerda Lober vom Stadtarchiv führte rund 25 Interessierte durch diesen Teil der Stadtgeschichte.

„Wir sind ein Team aus rund fünf Leuten“, sagt die 64-Jährige aus Tiefenbach. Seit 20 Jahren gibt es jeweils am letzten Mittwoch im Monat eine öffentliche Stadtführung mit wechselnden Themen. „Heute machen wir uns 90 Minuten auf den Weg in die Wilhelmstraße und Bergwerkstraße.“ Geschichte sei schon immer ihr Lieblingsfach gewesen.

Viele Teilnehmer verbinden persönliche Erinnerungen mit der Stadt. Pia Schmid aus Stimpfach ist mit ihrem Vater Friedrich Harr erstmals dabei und möchte erfahren, „wie Crailsheim früher war“. Harr, der einst über dem heutigen Woha wohnte, erinnert sich noch gut an Möbel König. Zwei Freundinnen, 85 und 83 Jahre alt, sind Stammgäste: „Man erfährt immer etwas Neues, das man vorher nicht wusste.“ Auch im Alter wollten sie am Leben teilhaben und fit bleiben.

In der Wilhelmstraße wurden früher Gewerbebetriebe angesiedelt, die man innerhalb der Stadt nicht haben wollte, erklärt Lober. 1792 war Crailsheim von einer rund 1000 Meter langen Stadtmauer mit elf Mauertürmen umgeben. Nach der Abdankung des letzten Markgrafen gehörte Crailsheim kurz zu Bayern, ab 1810 zu Württemberg. In den Gebäuden der Wilhelmstraße wohnte man oben, unten befanden sich die Geschäfte – teilweise bis heute erkennbar.

1876 erhielt die Straße zu Ehren Kaiser Wilhelms ihren Namen. Der obere Teil wurde im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört. Grundstücke wurden wieder bebaut oder verkauft. 1975 kaufte Herr Buckenmaier das TC-Gebäude. Zuvor befand sich dort das Geschäft Elektra. Möbel König wollte sein Geschäft auf sechs Stockwerke erweitern. Weil die Stadt dies ablehnte, baute man in die Breite – mit 14 großen Schaufenstern.

Erinnerungen werden lebendig

Wo heute die familiengeführte Fahrschule Wiedmann auf den Straßenverkehr vorbereitet, befand sich einst der Gasthof Traube. Am Standort der Sparkasse befand sich die Falkenbrauerei, die 1922 ihren Betrieb einstellte.

„War nicht hier früher eine Zapfsäule?“, fragt jemand aus der Gruppe. Tatsächlich stand vor dem ehemaligen Schlossar Crailsheims erste öffentliche Tankstelle. Im ehemaligen Haus Blum wurden seit 1886 Textilien verkauft. Das Gebäude überstand den Krieg und steht bis heute.

Das heutige „HOT PIZZA“ war früher die Württembergische Vereinsbank. Das 1792 errichtete Gebäude wurde zunächst als Café, Kegelbahn und Biergarten genutzt. Später waren dort ein Tabakladen und der erste Aldi Crailsheims untergebracht. 1918 wurde das Gebäude an die Württembergische Vereinsbank verkauft. Über dem Eingang steht noch heute „1792 – Billard- und Caffee-Haus“ – ein Detail, das beim Vorbeifahren kaum auffällt.

Der heutige Frankonia Keller war einst ein Kino mit 647 Plätzen. Im Luftschutzkeller befanden sich Bar und Gaststätte. „Das war der legendäre Bunker. Da durften wir als Kinder nicht rein“, erinnert sich Lober.

Crailsheim im Wandel

Das heutige Müller-Gebäude ist das 1898 eröffnete ehemalige Postamt. Auf alten Bildern ist die verschwundene Telegrafenanlage mit Sendemast zu sehen. 1956 eröffnete das Woha. Auch an die Bäckerei Rößner erinnern sich viele. „Ahh, das weiß ich noch“, ist immer wieder zu hören.

Wilhelm- und Bergwerkstraße waren von Gaststätten, Fayencefabrik, Glockengießerei und Bergwerk geprägt. In ein ehemaliges Café zog Deeg mit einem Werkzeugladen ein, der später in den Alten Postweg umzog. 1864 kaufte Herr Kellermann das heutige Gasthaus „Drei König“, das zeitweise als Niederlassung des Hohenloher Tagblatts diente und den Krieg überstand.

1497 wurde die erste Brücke gebaut: 100 Meter lang und viereinhalb Meter breit. Damals gehörte Crailsheim zu den Markgrafen und hatte rund 3000 Einwohner. 1868 war die Bahn fertiggestellt und brachte mehr Menschen in die Stadt. Heute zählt Crailsheim rund 36.000 Einwohner. 1873 wurde die Jagstbrücke verbreitert, später gesprengt und 1949 zum ersten Volksfestumzug wieder eröffnet.

In der Bergwerkstraße stehen noch heute Gebäude, die einst echte Villen waren. Früher wurde auf öffentlicher Straße ohne Kanalisation geschlachtet. Später entstand dort ein Schlachthaus, für das sich die Metzger zu einer Innung zusammenschließen mussten. Es wurde schließlich abgerissen und durch ein Hochhaus mit mehreren Wohnungen ersetzt.

Aus der Kleinstadt sollte eine Große Kreisstadt werden. Das zeigen auch die Stadteinfahrten: In Wilhelm- und Bergwerkstraße wurde bewusst in die Höhe gebaut. Aus Richtung Ellwangen ist dagegen am Bullinger Eck noch das alte Stadtbild erkennbar.

So zeigte die Führung: Hinter Fassaden, Geschäften und alltäglichen Wegen verbergen sich Geschichten, die erzählen, wie sich Crailsheim über Jahrhunderte verändert hat – und die beim Vorbeifahren leicht unentdeckt bleiben.


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